Zweiter Tag für mich in St. Petersburg, doch die Nachricht des Tages kam aus Frankfurt: Joachim Löw bleibt auch nach dem Debakel in Russland Nationaltrainer. Neue Impulse mit alten Zöpfen sozusagen. Nun denn… Ähnlich dürftige Emotionen hat auch das Spiel Schweden – Schweiz im Stadion bei mir ausgelöst. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie leicht eine Nationalmannschaft in einigermaßen passablem Zustand ins Viertelfinale hätten kommen können gegen so harmlose Eidgenossen. Trotzdem natürlich Glückwunsch an Schweden! Schön: Pünktlich zum Anpfiff hat sich zum ersten Mal auch die Sonne hier an der Ostsee gezeigt.

Als erstes hatten mal wieder die Kollegen von der Bild die Info und irgendwann kam auch der DFB mit einer politisch korrekten Pressemitteilung um die Ecke: Joachim Löw bleibt uns noch ein bisschen erhalten. Eines vorweg: Ich habe nichts gegen den Menschen Joachim Löw, dieser Trainer hat eine lange, tolle und sehr erfolgreiche Ära beim Deutschen Fußball-Bund geprägt. Doch irgendwann ist halt auch mal Schluss. Groß wäre ein Abgang am Höhepunkt, also nach der WM 2014 gewesen, auch nach dem Halbfinal-Aus gegen Frankreich bei der letzten Europameisterschaft hätte man ihm noch applaudiert für alles, was da war.

Doch bei diesem Turnier in Russland hat sich eine “Wird-schon”-Mentalität bei allen im DFB-Tross eingestellt. Mit einer verheerenden Sorglosigkeit wurden die schwachen Auftritte seit Herbst 2017 heruntergespielt, ebenso wie die Özil-Gündogan-Erdogan-Kiste, wobei diese einfach mal komplett falsch bewertet, weil komplett ignoriert wurde. Die Mannschaft hat blutleer und lethargisch gewirkt, wurde falsch auf die Gegner eingestellt und: Sie hatte keinen Plan B. Löw steht auf eher glatte Spieler, die sich ins Kollektiv fügen, auf ein System, das am besten nur noch auf falsche Neuner statt auf Stürmer baut und auf eine Spielweise, in der man fast immer den Ball hat und so nie zu Umschaltaktionen kommt. Standards sind ohnehin verpönt. Letztlich alles Dinge, die die vermeintlich Schwachen bei dieser WM so erfolgreich gemacht haben.

Löws Entscheidung fiel nach sechs Bedenktagen äußerst schnell. Ob das gute Salär, das man total voreilig bei der Vertragsverlängerung bis 2022 im Mai vereinbart hatte, da eine Rolle gespielt hat? So weit will ich nicht gehen. Trotzdem regiert Geld die Welt, und der DFB kann es zurzeit gar nicht gebrauchen, eine Abfindung für Löw und seinen gerade seit 2014 immer schneller wachsenden Stab zahlen und dann noch das Portemonnaie für einen Nachfolger öffnen zu müssen. Steuernachzahlungen stehen im Raum, und die DFB-Akademie im Frankfurter Süden baut sich auch nicht von alleine.

Das Glück von Löw war auch, dass so richtig kein Nachfolger gerade bereitgestanden hat. Ganz überspitzt gesagt drängen sich gar Parallelen zur Politik auf. Auch dort ging es ab September noch einmal mit Angela Merkel weiter, doch dieses Klammern an einem Posten lähmt meistens mehr, als das es befruchtend ist. In Berlin bricht sich die neue Regierung einen ab, und auch in Frankfurt, bei der Nationalmannschaft, ist es eigentlich unvorstellbar, dass ein Stab von 135 Leuten ohne Veränderungen von außen mal so nebenbei auf den Resetknopf drückt, einfach alles umschmeißt. Das glaubt doch kein Mensch. Außerdem stehen Trainer und Mannschaft ab dem ersten Testspiel nach der WM unter höllischem Druck, der gerade gegenüber den jungen Spielern, die nachrücken, unfair wäre. Wahrscheinlich würde Löw nun entgegnen: “Wir schaffen das!” Mir allerdings fehlt dafür der Glauben.

Hier noch ein paar Eindrücke aus dem zunächst extrem verregneten und a…kalten St. Petersburg und aus dem Stadion. Ausverkauft war das Spiel nie im Leben, vielleicht haben einige deutsche Fans, die fix mit der Beteiligung des DFB-Teams an diesem Spiel gerechnet hatten, einfach ihre Karte verfallen lassen.